Warum Mieterstrom im Mehrfamilienhaus bisher nicht zündet – und was sich ändern müsste
In Deutschland leben rund 44 Prozent der Haushalte in Ein- und Zweifamilienhäusern. Etwa 55 Prozent wohnen dagegen in Mehrfamilienhäusern.¹ Klassischer Photovoltaik-Eigenverbrauch, wie er im Einfamilienhaus üblich ist, ist dort strukturell deutlich schwieriger umzusetzen. Genau hier setzen Modelle wie Mieterstrom an – und genau hier zeigt sich, warum die Energiewende im Gebäudebestand mehr ist als eine technische Frage.
Während Photovoltaik auf Einfamilienhäusern vielerorts längst zum Standard gehört, bleibt ihr Einsatz im Mehrfamilienhaus bislang deutlich hinter den Möglichkeiten zurück. Dabei gilt Mieterstrom seit 2017 als wichtiger Baustein für Klimaschutz und Teilhabe im Gebäudebestand. Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden, die politischen Ziele formuliert. Trotzdem ist die Zahl der umgesetzten Projekte überschaubar.
¹ destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/09/PD25_336_31231.html
Beim Mieterstrom wird Solarstrom direkt auf dem Gebäude erzeugt und an die Bewohnerinnen und Bewohner geliefert. Reicht die erzeugte Energie nicht aus, übernimmt der Mieterstromanbieter automatisch die Versorgung mit Reststrom aus dem öffentlichen Netz.
Bei der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung wird lokal erzeugter Strom im Gebäude auf mehrere Parteien verteilt. Den zusätzlich benötigten Reststrom beziehen die Nutzerinnen und Nutzer jeweils selbst über ihren eigenen Stromliefervertrag.
„Wenn man sich anschaut, wie viele Photovoltaikanlagen es in Deutschland insgesamt gibt und wie wenige davon als Mieterstromprojekte umgesetzt sind, dann sieht man sehr schnell: Da klafft eine große Lücke zwischen Potenzial und Realität“
„Wenn man sich anschaut, wie viele Photovoltaikanlagen es in Deutschland insgesamt gibt und wie wenige davon als Mieterstromprojekte umgesetzt sind, dann sieht man sehr schnell: Da klafft eine große Lücke zwischen Potenzial und Realität“
Dr. Ralph Henger
Senior Economist für Wohnungspolitik und Immobilienökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Mieterstrom im Mehrfamilienhaus:
Warum er viel komplexer ist als Eigenverbrauch im Einfamilienhaus
Ein zentraler Unterschied zwischen Mieterstrom im Mehrfamilienhaus und klassischem Eigenverbrauch im Einfamilienhaus liegt darin, wie Entscheidung, Nutzung und wirtschaftliches Risiko verteilt sind. Im Einfamilienhaus fallen Investition, Nutzung und Risiko meist zusammen. Wer eine Photovoltaikanlage installiert, nutzt den erzeugten Strom selbst, profitiert unmittelbar von sinkenden Stromkosten und entscheidet allein über Investition und Betrieb.
„Im Einfamilienhaus ist die Situation relativ klar: Die Person, die investiert, nutzt den Strom auch selbst. Im Mehrfamilienhaus ist das grundlegend anders“, erklärt Dr Ralph Henger, Senior Economist für Wohnungspolitik und Immobilienökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Im Mehrfamilienhaus treffen viele Interessen aufeinander. Die Teilnahme am Mieterstrom ist freiwillig, Haushalte ziehen ein und aus, der Stromverbrauch lässt sich nur begrenzt prognostizieren. Hinzu kommen neue Unsicherheiten, etwa durch E-Mobilität oder elektrische Wärmeerzeugung.
„Im Mehrfamilienhaus haben Sie viele Parteien, freiwillige Teilnahme und damit eine große Unsicherheit darüber, wie viel Strom tatsächlich abgenommen wird“, so Henger.
Diese Unsicherheit sei einer der zentralen Gründe, warum Mieterstromprojekte trotz technischer Machbarkeit häufig nicht umgesetzt werden.
Wirtschaftlichkeit – wann sich Mieterstrom im Mehrfamilienhaus wirklich rechnet
Für Immobilienbetreiber stellt sich die Frage, wie wirtschaftlich Mieterstrom im Mehrfamilienhaus wirklich ist – und unter welchen Voraussetzungen sich solche Projekte rechnen. Wirtschaftlichkeitsanalysen zeigen, dass Mieterstromprojekte grundsätzlich rentabel sein können. Die Renditen liegen jedoch meist im unteren einstelligen Bereich und reagieren sensibel auf Abweichungen bei den Annahmen.
„Unsere Berechnungen zeigen: Mieterstrom kann wirtschaftlich sein. Aber die Renditen sind oft nicht besonders hoch“, sagt Henger. Schon kleine Veränderungen bei Teilnahmequote oder Verbrauch können den Business Case kippen.
„Das Problem ist weniger, dass Mieterstrom grundsätzlich unrentabel wäre. Das Problem ist, dass die Wirtschaftlichkeit sehr fragil ist.“
Für Wohnungsunternehmen und Investoren bedeutet das: Mieterstrom konkurriert mit anderen Investitionen, die häufig planbarer erscheinen. Unsicherheit wird damit zu einem entscheidenden Hemmnis.
Akzeptanz für Mieterstrom: Warum Mieterinnen und Mieter im Mehrfamilienhaus mitziehen müssen
Ohne die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner lässt sich Mieterstrom im Mehrfamilienhaus wirtschaftlich nicht umsetzen.
„Der wichtigste Faktor für die Teilnahme von Mieterinnen und Mietern ist ganz klar der finanzielle Vorteil“, sagt Henger.
Daneben spielen auch Vertrauen, Transparenz und das Gefühl, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, eine Rolle. Gleichzeitig ist die Teilnahme freiwillig. Das ist politisch gewollt und Ausdruck von Vertragsfreiheit – erhöht aber die wirtschaftliche Unsicherheit.
„Man darf dabei nicht vergessen: Die Teilnahme ist freiwillig. Niemand kann gezwungen werden, beim Mieterstrom mitzumachen.“
Opt-out-Modelle im Mieterstrom: Mehr Teilnahme, mehr Wirtschaftlichkeit – aber politische Risiken
Aus ökonomischer Sicht ließe sich die Unsicherheit über Teilnahmequoten und Stromabnahme im Mehrfamilienhaus reduzieren. In der Debatte um Mieterstrom im Mehrfamilienhaus gelten Opt-out-Modelle als ein möglicher Weg, die Teilnahmequote und damit die Wirtschaftlichkeit zu stabilisieren. Dabei werden Mieterinnen und Mieter grundsätzlich in das Mieterstrommodell einbezogen, können aber aktiv widersprechen, wenn sie nicht teilnehmen möchten.
„Ein Opt-out-Modell würde die Unsicherheit deutlich reduzieren, weil man von Anfang an mit einer höheren Teilnahme rechnen könnte“, sagt Henger.
Politisch ist dieser Ansatz jedoch umstritten. Er greift in bestehende Vertragsfreiheiten ein und berührt sensible Fragen des Verbraucherschutzes. Der Zielkonflikt zwischen Effizienz und individueller Wahlfreiheit bleibt ungelöst.
Regulatorische Hürden beim Mieterstrom: Messkonzepte, Prozesse und Rolle der Netzbetreiber
Neben Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz sind es vor allem regulatorische Hürden beim Mieterstrom – von Messkonzepten über Abrechnung bis zur Rolle der Netzbetreiber –, die Projekte im Mehrfamilienhaus ausbremsen.
„In der Praxis scheitern Mieterstromprojekte oft nicht an einer einzelnen Vorschrift, sondern an der Summe vieler kleiner Hürden“, beschreibt Henger.
„Gleichzeitig gibt es für Netzbetreiber aktuell kaum Anreize, Mieterstromprojekte aktiv zu unterstützen.“
Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung: Einfacher als Mieterstrom – aber mit geringeren Erlösen
Als Reaktion auf viele Hürden beim klassischen Mieterstrom gewinnt Gebäudestrom (gemeinschaftliche Gebäudeversorgung, gGV) an Bedeutung. Bei diesem Modell wird der PV-Strom im Haus verteilt, aber alle Parteien beziehen ihren Reststrom weiterhin über individuelle Lieferverträge. Die gGV reduziert regulatorische Anforderungen, da der Immobilienbetreiber nicht als Stromlieferant fungiert, und senkt damit die Komplexität der Umsetzung.
Allerdings hat diese Vereinfachung ihren Preis.
„Die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung senkt einige regulatorische Hürden, aber sie senkt auch die Erlöspotenziale“, sagt Henger. „Für viele Projekte bedeutet das: weniger Bürokratie, aber auch geringere Renditen.“
Die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung ist damit kein Ersatz für Mieterstrom, sondern ein alternatives Modell mit eigenen Zielkonflikten.
Bei der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung wird lokal erzeugter Strom im Gebäude auf mehrere Parteien verteilt. Den zusätzlich benötigten Reststrom beziehen die Nutzerinnen und Nutzer jeweils selbst über ihren eigenen Stromliefervertrag.
Beim Mieterstrom wird Solarstrom direkt auf dem Gebäude erzeugt und an die Bewohnerinnen und Bewohner geliefert. Reicht die erzeugte Energie nicht aus, übernimmt der Mieterstromanbieter automatisch die Versorgung mit Reststrom aus dem öffentlichen Netz.
Energiewende und Fairness: Mehr Teilhabe durch Mieterstrom
Mieterstrom ist nicht nur ein wirtschaftliches oder technisches Thema, sondern berührt grundlegende Fragen von Gerechtigkeit im Gebäudebestand. Während sich die Energiewende im Einfamilienhaus vielerorts bereits konkret auszahlt, bleibt die Beteiligung im Geschosswohnungsbau bislang begrenzt.
„Eigentümerinnen und Eigentümer im Einfamilienhaus profitieren heute stark von Photovoltaik. Mieterinnen und Mieter im Mehrfamilienhaus dagegen bislang kaum“, so Henger.
Wenn die Energiewende im Gebäudebestand gelingen soll, müsse sie auch Teilhabe ermöglichen. Nur wenn auch Mieterinnen und Mieter realistisch an Erzeugung, Nutzung und wirtschaftlichen Effekten erneuerbarer Energien beteiligt werden können, lassen sich Akzeptanz, politische Tragfähigkeit und langfristige Investitionssicherheit im Bestand sichern.
Praktisch heißt das: Wer im Mehrfamilienhaus wohnt, sollte nicht dauerhaft zuschauen müssen, wie die Nachbarschaft im Einfamilienhaus Stromkosten senkt und Förderlogiken nutzt – während im Geschosswohnungsbau vor allem Komplexität hängen bleibt.
„Wenn wir über Energiewende sprechen, dann müssen wir auch über faire Teilhabe sprechen. Mieterstrom kann hier ein wichtiges Instrument sein.“
„Wenn wir über Energiewende sprechen, dann müssen wir auch über faire Teilhabe sprechen. Mieterstrom kann hier ein wichtiges Instrument sein.“
Dr. Ralph Henger
Senior Economist für Wohnungspolitik und Immobilienökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Was bedeutet das für Wohnungsunternehmen?
„Für Wohnungsunternehmen ist Mieterstrom kein Selbstläufer, aber auch kein Randthema mehr“, sagt Henger. Er erfordert realistische Erwartungen, saubere Wirtschaftlichkeitsrechnungen und klare Prozesse.
Gleichzeitig gewinnt das Thema strategisch an Bedeutung. Denn mit steigenden Anforderungen an Klimaneutralität im Gebäudebestand und wachsendem Erwartungsdruck von Politik, Investoren und Mietenden rückt die Frage nach lokaler Stromerzeugung und -nutzung stärker in den Fokus. Mieterstrom kann dabei ein Baustein sein, um Dekarbonisierung, Kostenstabilität und Positionierung am Markt miteinander zu verbinden.
„Wer sich heute nicht mit Mieterstrom beschäftigt, läuft Gefahr, in ein paar Jahren hinterherzulaufen – auch wenn man nicht jedes Projekt sofort umsetzen muss.“
Weniger Erwartungen, mehr Klarheit
Mieterstrom im Mehrfamilienhaus ist technisch machbar und politisch gewollt. Seine Umsetzung scheitert bislang weniger an fehlendem Willen als an Unsicherheit, Komplexität und widersprüchlichen Rahmenbedingungen. Wer Mieterstrom voranbringen will, muss diese Zielkonflikte offen benennen – und sich von der Vorstellung lösen, dass Technik allein das Problem löst.
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