Warum Quartierslösungen mehr sind als Technik – und was sie für die Energiewende im Bestand bedeuten
Mit Experten-Insights von
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Ulrich Buhl,
FIM Forschungsinstitut für Informationsmanagement
Wenn über die Energiewende im Gebäudebestand gesprochen wird, richtet sich der Blick meist auf das einzelne Gebäude. Neue Heizsysteme, bessere Dämmung oder Photovoltaik auf dem Dach gelten als zentrale Bausteine der Transformation.
Doch dieser Fokus greift oft zu kurz. Denn Energie wird nicht nur im Gebäude verbraucht, sondern auch im Zusammenspiel mehrerer Gebäude, Nutzungen und Infrastrukturen. Genau hier setzt der Quartiersansatz an.
In Forschungsprojekten wie der Modellregion Augsburg untersuchen Prof. Buhl und das Team vom FIM Forschungsinstitut für Informationsmanagement, wie solche Quartierslösungen funktionieren können – und welche Potenziale sie für die Energiewende im Bestand haben.
„Wenn man Energieversorgung nicht nur für ein einzelnes Gebäude, sondern für mehrere Gebäude gemeinsam denkt, entstehen Ausgleichseffekte, die man sonst nicht nutzen kann“, sagt Buhl.
Der Quartiersansatz eröffnet damit eine Perspektive, die über technische Einzelmaßnahmen hinausgeht: Gebäude werden Teil eines lokalen Energiesystems.
Warum Quartiere energetische Vorteile gegenüber Einzelgebäuden haben
Ein wesentlicher Vorteil von Quartierslösungen liegt in der Vielfalt der Nutzung. Während in einem einzelnen Gebäude meist ein relativ homogenes Verbrauchsprofil vorliegt, entstehen in einem Quartier unterschiedliche Energiebedarfe – zeitlich wie funktional.
„In jedem Haus haben die Bewohner unterschiedliche Tagesrhythmen“, erklärt Buhl. „Die einen stehen früher auf, die anderen später. Die einen kommen früher nach Hause, die anderen später.“
Diese Unterschiede wirken sich unmittelbar auf den Energieverbrauch aus. Werden mehrere Gebäude zusammen betrachtet, entstehen dadurch sogenannte Ausgleichseffekte: Lastspitzen werden abgeflacht, Energie kann effizienter verteilt werden.
Besonders deutlich wird dieser Effekt in gemischt genutzten Quartieren – etwa dort, wo Wohnungen, Büros, Praxen oder Gewerbe aufeinandertreffen. Unterschiedliche Nutzungen führen zu unterschiedlichen Verbrauchszeiten und ermöglichen damit eine bessere Nutzung vorhandener Energiequellen.
„Je heterogener die Nutzergruppen sind, desto besser lassen sich diese Ausgleichseffekte nutzen“, so Buhl.
In der Praxis bedeutet das: Anlagen können oft kleiner dimensioniert werden, erneuerbare Energien werden effizienter genutzt und die gesamte Energieversorgung wird flexibler. Quartierskonzepte schaffen damit Spielräume, die ein einzelnes Mehrfamilienhaus allein nicht bietet.
Neubau trifft Bestand: Wie Quartierskonzepte Synergien heben
Ein anschauliches Beispiel für diese Logik findet sich im Quartiersprojekt in Überlingen am Bodensee. Dort wurde ein neues Wohnquartier bewusst mit einem angrenzenden Bestandsquartier aus den 1960er-Jahren verknüpft.
Auf den ersten Blick erscheint diese Kombination ungewöhnlich. Neubauten gelten als energieeffizient, während Bestandsgebäude häufig höhere Energiebedarfe aufweisen. Genau diese Unterschiede lassen sich jedoch gezielt nutzen.
„Bestandsgebäude mit klassischen Heizkörpern benötigen höhere Vorlauftemperaturen als Neubauten mit Fußbodenheizung“, erklärt Buhl.
In Überlingen wurde dieses Prinzip bewusst eingesetzt. Die Energieversorgung des Quartiers wurde so gestaltet, dass zunächst die höheren Temperaturbedarfe der Bestandsgebäude bedient werden. Die dabei entstehende Abwärme kann anschließend für die niedrigeren Temperaturanforderungen der Neubauten genutzt werden.
Auf diese Weise profitieren beide Teile des Quartiers von einem gemeinsamen Energiesystem – nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich.
„Die Idee war, dass nicht nur die Bewohner des Neubauquartiers von der Förderung profitieren, sondern auch die Bewohner des Bestandsquartiers.“
Der Quartiersansatz schafft damit einen Rahmen, in dem energetische und soziale Fragen zusammen gedacht werden können. Klimaschutz, Sozialverträglichkeit und Quartiersentwicklung greifen ineinander.
Flexibilität als Schlüssel im Stromsystem des Quartiers
Neben der effizienten Nutzung von Wärme spielt im Quartier auch die Flexibilität im Stromsystem eine immer größere Rolle. Ein Beispiel liefert die Elektromobilität.
Im Living Lab der Modellregion Augsburg hat das Forschungsteam rund um Buhl die eigene Fahrzeugflotte vollständig auf Elektrofahrzeuge umgestellt. Ziel war es, die Fahrzeuge möglichst mit lokal erzeugtem Solarstrom zu laden.
Dabei zeigte sich schnell ein typisches Problem:
„Viele Ladevorgänge beginnen morgens zwischen sechs und acht Uhr – genau dann, wenn Strom besonders teuer ist und wenig erneuerbare Energie im System verfügbar ist.“ Zur Mittagszeit hingegen, wenn Photovoltaikanlagen besonders viel Strom erzeugen, sind viele Fahrzeuge bereits vollständig geladen.
Durch intelligente Steuerung lassen sich solche Muster verändern. Ladevorgänge können zeitlich verschoben werden, ohne dass Nutzer Einschränkungen spüren. „Wenn jemand morgens ins Büro kommt und sein Auto anschließt, spielt es für ihn meist keine Rolle, ob das Fahrzeug zwischen sieben und zehn oder zwischen zehn und dreizehn Uhr geladen wird.“
Der Effekt ist doppelt positiv: Die Energiekosten sinken – und gleichzeitig steigt der Anteil erneuerbarer Energien.
Ökonomische Optimierung und ökologische Wirkung gehen in solchen Fällen also Hand in Hand – insbesondere dann, wenn Quartierslösungen Ladeinfrastruktur, Photovoltaik und Gebäudeversorgung zusammendenken.
„Wenn Strom billig ist, hat er meist einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. Wenn er teuer ist, stammt er häufig aus fossilen Kraftwerken.“
„Wenn Strom billig ist, hat er meist einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. Wenn er teuer ist, stammt er häufig aus fossilen Kraftwerken.“
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Ulrich Buhl
Professor für BWL, Wirtschaftsinformatik, Informations- und Finanzmanagement sowie Gründer und Berater des Forschungsinstituts für Informationsmanagement (FIM) in Augsburg, Bayreuth, Frankfurt, München und Stuttgart
© Timo Grüneke, FIM Forschungsinstitut
Weniger Risiko dank diverser Energiequellen im Quartier
Neben Effizienz und Flexibilität bieten Quartierslösungen noch einen weiteren Vorteil: Sie reduzieren wirtschaftliche Risiken. Ein einzelnes Gebäude ist meist stark von einem bestimmten Energieträger abhängig – etwa Gas, Fernwärme oder Strom. Steigen die Preise, gibt es oft kaum Möglichkeiten auszuweichen.
In Quartierssystemen sieht die Situation anders aus.
„Wenn man nur eine Technologie nutzt, ist man deren Preisentwicklung ausgeliefert“, sagt Buhl. „Wenn ein Quartier mehrere Energiequellen kombiniert – etwa Elektrifizierung, Biomasse oder fossile Spitzenlast – kann man flexibel auf Preisentwicklungen reagieren.“
Das Energiesystem wird damit robuster gegenüber Preisschwankungen. Gerade in Zeiten volatiler Energiepreise kann diese Diversifikation ein wichtiger Vorteil sein – insbesondere für Wohnungsunternehmen, die große Bestände verantworten und Planungssicherheit benötigen.
Warum Quartierslösungen trotzdem nicht selbstverständlich sind
Trotz dieser Vorteile entstehen Quartierslösungen in der Praxis nicht automatisch. Die Gründe dafür liegen weniger in der Technik als in organisatorischen und institutionellen Fragen.
Häufig sind es andere Faktoren, die Projekte kompliziert machen:
- Datenschutzanforderungen bei Energiedaten
- unterschiedliche Eigentümerstrukturen
- regulatorische Detailregelungen
- komplexe Förderbedingungen
„Die Technik ist in aller Regel nicht das Problem.“
Ein Beispiel sind sogenannte Kundenanlagen, die bestimmen, wie Strom innerhalb eines Quartiers verteilt werden darf. Wenn mehrere Gebäude gemeinsam Energie nutzen möchten, kann dies schnell regulatorisch anspruchsvoll werden. „Hier wäre es hilfreich, den Quartiersbegriff regulatorisch breiter zu fassen, damit Synergien leichter genutzt werden können“, so Buhl.
Auch organisatorisch sind Quartiersprojekte anspruchsvoll. Unterschiedliche Eigentümer, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Entscheidungsprozesse müssen zusammengebracht werden. „Wenn mehrere Eigentümer beteiligt sind, wird es automatisch komplexer. Aber grundsätzlich lassen sich Kooperationsvorteile auch zwischen verschiedenen Eigentümern aufteilen.“
Organisation entscheidet über den Erfolg von Quartiersprojekten
Neben regulatorischen Fragen spielt vor allem die Organisation eine zentrale Rolle. Erfolgreiche Quartiersprojekte brauchen Menschen, die Veränderungen aktiv unterstützen. „Man braucht Überzeugungstäter“, sagt Buhl. „Menschen, die hinter einem Projekt stehen und es vorantreiben.“
Ebenso wichtig sind sogenannte Multiplikatoren innerhalb eines Quartiers – Bewohner oder Nutzer, die neue Konzepte verstehen und anderen erklären können. „Wenn ein Nachbar erklärt, warum ein bestimmtes Verhalten sinnvoll ist, wirkt das oft besser als eine offizielle Ansage.“
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Einfachheit der Lösungen. „Lieber einfache Systeme, die perfekt funktionieren, als komplizierte Konzepte, die niemand versteht.“ Komplexe technische Lösungen können schnell Frustration erzeugen, wenn sie nicht zuverlässig funktionieren oder schwer erklärbar sind. Für die Energiewende im Quartier gilt daher: Technik muss im Alltag verständlich und handhabbar bleiben.
Was Wohnungsunternehmen aus Quartiersprojekten lernen können
Für Wohnungsunternehmen bedeutet der Quartiersansatz vor allem eines: Energiekonzepte sollten frühzeitig integriert gedacht werden – über das einzelne Gebäude hinaus. Ein sinnvoller erster Schritt ist oft eine genaue Analyse der vorhandenen Daten.
„Wenn wir die Verbrauchsdaten eines Quartiers analysieren, entdecken wir häufig Zusammenhänge, die vorher niemandem aufgefallen sind – und die Geld kosten.“ Auf Basis dieser Daten lassen sich Optimierungspotenziale identifizieren und mit Erfahrungen aus anderen Quartieren vergleichen.
Darauf aufbauend können verschiedene Bausteine kombiniert werden:
- energetische Sanierung der Gebäudehülle
- effiziente Wärmeversorgung
- flexible Stromnutzung
- intelligente Steuerung von Verbrauch und Erzeugung
Die Reihenfolge spielt dabei ebenfalls eine Rolle. „Typischerweise beginnt man mit der Gebäudehülle“, erklärt Buhl. „Erst danach sollte man über technische Lösungen und das Verhalten der Nutzer nachdenken.“
Für die Wohnungswirtschaft heißt das: Quartiersentwicklung, Gebäudetechnik und Nutzerverhalten gehören in eine gemeinsame strategische Planung – idealerweise schon in frühen Projektphasen
Quartiere als Baustein der Energiewende im Gebäudebestand
Der Quartiersansatz wird inzwischen auch in der politischen Diskussion zunehmend betont. In verschiedenen Gesetzesinitiativen wird darüber gesprochen, Quartierslösungen stärker zu ermöglichen und zu fördern.
Ob und wie sich diese Ansätze konkret entwickeln werden, ist derzeit noch offen. Klar ist jedoch: Die Transformation des Gebäudebestands wird nicht allein durch Maßnahmen am einzelnen Gebäude entschieden. Quartiere bieten die Möglichkeit, Energieversorgung, Infrastruktur und Nutzung stärker miteinander zu verzahnen.
„Viele Vorteile entstehen erst, wenn man größer denkt als nur im einzelnen Gebäude.“
Die Energiewende im Gebäudebestand wird damit weniger zur Frage einzelner Technologien – und stärker zur Frage intelligenter, gut organisierter Quartierssysteme, in denen Wohnungsunternehmen, Kommunen, Energieversorger und Bewohner gemeinsam an Lösungen arbeiten.
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