Wer saniert, muss mehr liefern als Erklärungen – was Wohnungsunternehmen aus der Akzeptanzforschung lernen können.
Mit Experten-Insights von Robert Görsch, DENEFF – Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz
Wenn über die Wärmewende gesprochen wird, dominieren meist technische und wirtschaftliche Fragen. Welche Heizsysteme sind die richtigen? Wie lassen sich Gebäude energetisch sanieren? Welche Förderprogramme stehen zur Verfügung? Dabei gerät ein Faktor häufig in den Hintergrund: die Akzeptanz der Menschen, die von diesen Veränderungen betroffen sind.
Für Robert Görsch ist das ein grundlegendes Missverständnis. Akzeptanz sei kein Randthema der Wärmewende, sondern eine ihrer zentralen Voraussetzungen. „Akzeptanz ist sehr wichtig und wurde lange Zeit gewissermaßen unterbelichtet oder nicht so sehr beachtet. Da wurden das Energiesystem oder jetzt die Wärmewende rein als technische oder finanzielle Herausforderungen gesehen“, sagt Görsch.
Die Frage ist deshalb nicht nur, welche Technologien eingesetzt werden. Entscheidend ist auch, ob die Menschen die Veränderungen mittragen
Die Energiewende hat ein Akzeptanzproblem – oder doch nicht?
Wer die öffentliche Debatte verfolgt, könnte schnell den Eindruck gewinnen, die Energiewende stoße in der Bevölkerung zunehmend auf Ablehnung. Die Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild.
„Die Akzeptanz der Energiewende als übergeordnetes Projekt ist sehr hoch“, sagt Görsch. Die meisten Menschen befürworteten grundsätzlich die Transformation des Energiesystems und sähen fossile Energieträger langfristig nicht als wünschenswerte Alternative. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede einzelne Maßnahme vor Ort auf Zustimmung stößt.
Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied: Die gesellschaftliche Unterstützung für die Energiewende als Ziel und die Akzeptanz konkreter Projekte sind zwei verschiedene Dinge. „Womit die Leute nicht zufrieden sind, teilweise, ist die Umsetzung“, so Görsch. Für manche geht die Transformation zu schnell, für andere zu langsam. Häufig geht es um Fragen der Verteilung: Wer trägt die Kosten? Wer profitiert? Und wer muss die Belastungen vor Ort aushalten?
Warum das NIMBY-Argument oft zu kurz greift
In vielen Debatten wird Widerstand gegen lokale Projekte schnell mit einem bekannten Schlagwort erklärt: NIMBY – „Not in my backyard“. Die Logik dahinter: Die Menschen befürworten die Energiewende grundsätzlich, wollen die konkreten Maßnahmen aber nicht vor ihrer eigenen Haustür.
Aus Sicht der Akzeptanzforschung greift diese Erklärung jedoch zu kurz. „Dieses NIMBY-Phänomen wird in der Wissenschaft extrem kritisch gesehen“, erklärt Görsch. Denn lokale Ablehnung entsteht häufig nicht aus grundsätzlicher Verweigerung, sondern aus nachvollziehbaren Interessen und konkreten Erfahrungen. Menschen erleben Veränderungen in ihrem direkten Lebensumfeld anders als abstrakte politische Ziele.
Wenn die Belastungen eines Projekts lokal spürbar sind, die Vorteile aber vor allem anderen zugutekommen, entstehen Zielkonflikte. Werden diese Konflikte ignoriert, sinkt die Akzeptanz. Für Görsch ist deshalb entscheidend, Kritik nicht vorschnell als egoistische Verweigerung abzutun. Vielmehr müsse gefragt werden, welche konkreten Auswirkungen ein Projekt vor Ort hat und wie Belastungen und Nutzen verteilt werden.
Was das mit energetischen Sanierungen zu tun hat
Diese Logik lässt sich unmittelbar auf die Wärmewende im Gebäudebestand übertragen. Die grundsätzliche Idee energetischer Sanierungen wird von vielen Menschen positiv bewertet. Die Vorteile liegen auf der Hand: geringerer Energieverbrauch, mehr Wohnkomfort, geringere Abhängigkeit von Energiepreisschocks und ein zukunftsfähiger Gebäudebestand.
„Die Idee der Wärmewende ist also gut“, sagt Görsch. „Auch für die Wohnungsunternehmen ist es natürlich gut, einen zukunftsfähigen Gebäudebestand zu haben, der auch in Zukunft noch etwas wert ist.“ Trotzdem entstehen in der Praxis häufig Konflikte.
Der Grund liegt nicht in der grundsätzlichen Ablehnung der Sanierung, sondern in den Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen. Baustellen, Lärm, Unsicherheit über Zeitpläne und Einschränkungen bei der Nutzung der eigenen Wohnung können die Akzeptanz erheblich beeinträchtigen.
„Die Baustelle ist auf jeden Fall etwas, das sehr belastend sein kann für die Leute“, berichtet Görsch. Gerade bei umfangreichen Modernisierungen inklusive einer Strangsanierung wird deutlich, dass selbst Maßnahmen mit langfristigen Vorteilen kurzfristig erhebliche Belastungen verursachen können.
„Die Idee der Wärmewende ist also gut. Auch für die Wohnungsunternehmen ist es natürlich gut, einen zukunftsfähigen Gebäudebestand zu haben, der auch in Zukunft noch etwas wert ist.““
„Die Idee der Wärmewende ist also gut. Auch für die Wohnungsunternehmen ist es natürlich gut, einen zukunftsfähigen Gebäudebestand zu haben, der auch in Zukunft noch etwas wert ist.““
Robert Görsch
DENEFF – Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz
Kommunikation ist wichtig – aber nicht die ganze Lösung
In der Praxis lautet die Antwort auf Akzeptanzprobleme häufig: Wir müssen besser kommunizieren. Für Görsch ist das richtig, aber nicht ausreichend. „Kommunikation ist sehr wichtig, auf jeden Fall.“
Gute Kommunikation bedeutet für ihn zunächst Transparenz. Wohnungsunternehmen sollten offen über Vorteile sprechen, aber ebenso über Nachteile und Belastungen. „Das sind die Vorteile, wenn wir jetzt eine energetische Sanierung machen. Das sind aber auch die Belastungen. Da sollten Unternehmen offen und ehrlich sein.“
Ebenso wichtig sei Verständlichkeit. Viele Informationen werden zwar bereitgestellt, erreichen die Zielgruppen aber nicht. Die gesetzlich vorgeschriebene Modernisierungsankündigung sei dafür ein typisches Beispiel. Sie schaffe Rechtssicherheit, sei aber für viele Menschen schwer verständlich. Deshalb müsse Kommunikation stärker an den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppen ausgerichtet werden.
Gleichzeitig warnt Görsch davor, Kommunikation allein als Allheilmittel zu betrachten. „Man kann keine schlechten Maßnahmen oder schlechte Umsetzung irgendwie gut erscheinen lassen.“ Wenn Menschen keinerlei Einflussmöglichkeiten haben oder Belastungen nicht ernst genommen werden, reicht selbst die beste Kommunikation nicht aus.
Akzeptanz beginnt mit einem Perspektivwechsel
Für Wohnungsunternehmen bedeutet das vor allem eines: Akzeptanz sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn Konflikte bereits entstanden sind.
„Akzeptanz sollte von vornherein ein Thema sein und nicht erst, wenn der Wagen schon gegen die Wand gefahren ist.“
Entscheidend sei die Fähigkeit zum Perspektivwechsel: Während Wohnungsunternehmen ein Gebäude häufig als Teil ihres Bestands betrachten, erleben Mietende dieselbe Immobilie als ihr Zuhause. Diese unterschiedliche Perspektive werde in Projekten oft unterschätzt.
„Für uns ist das jetzt vielleicht ein Haus, das schon ewig auf unserer Liste stand“, beschreibt Görsch die Sicht vieler Organisationen. „Aber für Leute, die da schon 30 Jahre lang wohnen, ist es deren Zuhause.“
Genau daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines echten Dialogs. Kommunikation dürfe nicht als Einbahnstraße verstanden werden, in der lediglich Entscheidungen erklärt werden. Vielmehr müsse sie Rückmeldungen ermöglichen und ernst nehmen. „Nicht so als Top-down: Wir erklären euch jetzt, was wir machen, aber wir wollen eigentlich gar keine Rückmeldung von euch haben.“
Akzeptanz ist kein Ja-oder-Nein-Thema
Ein weiterer Befund der Akzeptanzforschung betrifft das Verständnis von Akzeptanz selbst. „Akzeptanz ist nicht etwas, das einfach da ist oder nicht.“ Stattdessen beschreibt Görsch Akzeptanz als ein Kontinuum. Zwischen aktivem Widerstand und begeisterter Unterstützung existieren zahlreiche Abstufungen. Manche Menschen möchten sich intensiv einbringen. Andere akzeptieren Maßnahmen stillschweigend. Wieder andere lehnen sie offen ab.
Für Wohnungsunternehmen hat das eine wichtige Konsequenz: Nicht alle Zielgruppen wünschen dieselben Informationen und Beteiligungsangebote. Menschen unterscheiden sich nicht nur nach Alter, Einkommen oder Bildungsstand. Sie unterscheiden sich auch darin, wie stark sie sich überhaupt mit dem Sanierungsprojekt beschäftigen möchten. Wer diese Unterschiede berücksichtigt, kann Kommunikations- und Beteiligungsformate deutlich zielgerichteter gestalten.
Akzeptanz als strategischer Erfolgsfaktor
Die Wärmewende wird häufig als technologische Herausforderung beschrieben. Die Forschung von Robert Görsch legt nahe, dass diese Perspektive zu eng ist. Technik und Wirtschaftlichkeit bleiben zentrale Voraussetzungen. Ob Projekte erfolgreich umgesetzt werden können, entscheidet sich jedoch auch an einer weiteren Stelle: bei der Frage, ob die Menschen die Veränderungen nachvollziehen, mittragen und als fair empfinden.
Akzeptanz entsteht nicht durch Kommunikation allein. Sie entsteht dort, wo Transparenz, Dialog, faire Lastenverteilung und die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen zusammenkommen.
Für Wohnungsunternehmen bedeutet das: Wer Akzeptanz als strategischen Bestandteil von Sanierungsprojekten versteht, verbessert nicht nur die Kommunikation. Er schafft bessere Voraussetzungen dafür, dass die Wärmewende im Gebäudebestand überhaupt umgesetzt werden kann.
Jetzt entdecken: Der Blog Zukunft Wohnen
Welche Ideen stecken hinter dieser Vision? Und wie weit ist die Realität schon? Im Blog Zukunft Wohnen geben Expertinnen und Experten Antworten – praxisnah, verständlich, vorausschauend.