Energetische Sanierungen im Bestand: Warum Kommunikation und Kooperation den Unterschied machen
Mit Experten-Insights von Marie Kathrin Busch, DENEFF – Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz
Wer über energetische Sanierungen im Wohnungsbestand spricht, denkt meist zuerst an Dämmung, Heizsysteme und Förderprogramme. Was dabei häufig untergeht: Ob ein Sanierungsprojekt gelingt, entscheidet sich zu einem erheblichen Teil schon bevor der erste Handwerker das Gebäude betritt. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, wie Vermieter und Mieter miteinander umgehen – auch unabhängig vom konkreten Sanierungsprojekt.
Marie Busch forscht im Projekt EnSanKoop an genau dieser Frage. Das Projekt untersucht, wie Kooperation zwischen Vermietenden und Mietenden den Sanierungsprozess beeinflusst. Und warum gut gemeinte Prozesse manchmal nicht das bewirken, was sie sollten oder könnten.
Das erste Problem: Projekte, die gar nicht erst beginnen
Bevor man über den Umgang mit Mietenden sprechen kann, muss auf die allseits bekannten Herausforderungen von energetischen Sanierungen im vermieteten Wohngebäudebestand schauen: Sanierungen zugunsten eines sinkenden Energieverbrauchs erfordern Investitionen des Vermieters, der Mieter hingegen profitiert direkt durch sinkende Energiekosten. Durch die gesetzlich geregelte Modernisierungsumlage kann der Vermieter den Mieter zwar indirekt an den Kosten beteiligen, dennoch setzen gestiegene Baukosten, steigende Zinsen und die grundsätzlichen organisatorischen Herausforderungen solcher Großprojekte Unternehmen unter Druck.
“Zur Komplexität der Aufgabe, den unklaren energie- und klimapolitischen Vorgaben an die Gebäudeeigentümer kommt nun noch der Mensch im Gebäude, der dort einfach nur in Ruhe leben möchte. Das führt in nicht wenigen Fällen dazu, dass bereits vor dem eigentlichen Start der Abbruch droht: „Das größte Problem momentan ist, dass Sanierungen vielleicht gar nicht erst begonnen werden“, sagt Busch.
Solange die politischen Rahmenbedingungen die wirtschaftliche Logik nicht zugunsten von Sanierungen verschieben, wird ein erheblicher Teil des Handlungsspielraums ungenutzt bleiben. Das hat strukturelle Konsequenzen, die sich unter anderem in den stagnierenden Energieverbräuchen des Gebäudebestands niederschlagen. Wohnungsunternehmen betrachten Sanierungsprojekte aktuell noch selten als Gewinnerprojekte: Der Aufwand ist hoch und die Vorteile für Mieter und Vermieter sind nicht immer leicht herauszustellen und zu kommunizieren.
Zwei Perspektiven auf dasselbe Gebäude
Wenn ein Wohnungsunternehmen saniert, treffen zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen aufeinander.
Für Vermietende geht es in erster Linie um wirtschaftliche Fragestellungen – zurecht: Werterhalt der Immobilien, langfristige Vermietbarkeit, Einhalten von gesetzlichen Anforderungen – bei öffentlichen Wohnungsunternehmen kommen auch noch sozialpolitische Aufgaben wie Bezahlbarkeit dazu. Eine energetische Sanierung ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Bestands, das Ergebnis einer betriebswirtschaftlichen Abwägung.
Für Mietende ist das Gebäude ihr Zuhause, der Ort, an dem ihr Alltag stattfindet. Eingriffe in diesen Raum sind oft eine Störung. „Die Mietenden sehen die Wohnung als ihren Lebensraum, der möglichst wenig von Konflikten getragen sein sollte“, formuliert Busch. Eine Sanierung macht Dreck, Lärm, greift häufig auch in die Privatsphäre ein, sofern auch die Innenräume angegangen werden.
Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass Mietende nach abgeschlossener Sanierung in vielen Fällen sehr zufrieden sind. Der Komfortgewinn ist spürbar, die Skepsis im Vorfeld oft größer als die tatsächliche Belastung. “Das hat uns sehr überrascht und zeigt, dass das Ergebnis einer gelungenen Sanierung häufig die Schmerzen währenddessen wett macht. Das ist doch eine tolle Geschichte, die leider viel zu wenig erzählt wird.”
Das beschreibt einen bekannten, aber folgenreichen Interessenskonflikt: Was systemisch notwendig ist und langfristig nützt, kann in der Durchführung sehr konkret belasten. Wer diesen Widerspruch ignoriert, riskiert nicht nur Konflikte, sondern im schlimmsten Fall ausbleibende Duldungserklärungen schon bei der Modernisierungsankündigung und damit Projektverzögerungen oder -abbrüche.
Die Vorbereitungsphase entscheidet
EnSanKoop hat in seiner Forschung einen klaren Befund: Die Phase vor der Sanierung ist weit mehr als administrative Pflichterfüllung. Sie entscheidet über den Projekterfolg.
Das klingt nach einer Binsenweisheit, ist es aber nicht. Die gesetzlich vorgeschriebene Modernisierungsankündigung, die Vermieter drei Monate vor Baubeginn verschicken müssen, ist auf rechtliche Absicherung ausgelegt, nicht auf Verständnis. Sie ist häufig komplex formuliert, bürokratisch strukturiert und erzeugt bei Mietenden eher Verunsicherung als Akzeptanz.
Gespräche mit Wohnungsunternehmen, die andere Wege gehen, zeigen, was stattdessen funktioniert: Kommunikation, die erklärt. Dialogformate, die echte Fragen zulassen. Ansprechpersonen, die erreichbar sind. Informationsmaterialien, die konkret zeigen, wie die Wohnung nach der Sanierung aussehen wird und was sich für den Alltag ändert. Ein von Busch zitiertes Praxisbeispiel ist instruktiv: Ein Wohnungsunternehmen, das ein Projekt jahrelang nicht umsetzen konnte, weil Duldungserklärungen ausblieben, war nach Einführung umfangreicher Dialogformate in der Lage, die Maßnahme ohne Widersprüche abzuwickeln. Die Zufriedenheit der Mietenden im Anschluss war hoch.
„Wir merken, dass gerade begleitende Maßnahmen, die mit Kommunikation und erreichbaren Ansprechpersonen einhergehen, essenziell sind – damit Mietende auch das Gefühl haben, dass sie gesehen und gehört werden“, sagt Busch. Das ist ein harter Erfolgsfaktor, kein nachgelagertes Kommunikationsproblem.
„Wir merken, dass gerade begleitende Maßnahmen, die mit Kommunikation und erreichbaren Ansprechpersonen einhergehen, essenziell sind – damit Mietende auch das Gefühl haben, dass sie gesehen und gehört werden“
„Wir merken, dass gerade begleitende Maßnahmen, die mit Kommunikation und erreichbaren Ansprechpersonen einhergehen, essenziell sind – damit Mietende auch das Gefühl haben, dass sie gesehen und gehört werden“
Marie Kathrin Busch
DENEFF – Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz
Während der Bauphase: Anerkennung statt Beschwichtigung
Wenn die Handwerker eintreffen, beginnt für Mietende die intensivste Phase. Lärm, Schmutz, eingeschränkte Nutzbarkeit der eigenen Wohnung – manchmal über Monate. Vollständig vermeiden lässt sich das nicht. Aber begleiten lässt es sich.
Was EnSanKoop aus der Praxis berichtet, klingt unspektakulär: Schutzüberzieher für Handwerker, erhöhte Reinigungsfrequenz während der Bauphase, erreichbare und gut informierte Ansprechpersonen vor Ort, in manchen Fällen Einkaufsdienste bei Aufzugsausfall für eingeschränkt mobile Bewohner. Es geht nicht darum, die Belastung bei den Mietenden wegzureden, sondern darum, sie ehrlich anzuerkennen.
Der Unterschied liegt in der Haltung. Vermietende, die signalisieren: „Wir wissen, dass das belastend ist, und wir kümmern uns darum“, erfahren nach Buschs Beobachtung eine deutlich andere Resonanz als Vermietende, die sich weniger proaktiv um die Bedürfnisse von Mietenden während der Sanierung kümmern. „Es ist ja eigentlich ein gemeinsames Projekt.”
Nach dem letzten Handwerker: Die unterschätzte Nachbereitungsphase
Für viele Wohnungsunternehmen endet das Sanierungsprojekt mit der Bauabnahme und dem finalen Anschreiben über Maßnahmen und neue Miethöhe. Das ist nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht.
Ob die avisierten Energieeinsparungen tatsächlich eintreten, hängt wesentlich davon ab, wie Mietende mit der neuen Haustechnik umgehen. Lüftungsanlagen, neue Heizsteuerung, veränderte Gebäudehülle: all das erfordert angepasstes Nutzerverhalten. Wer hier nicht kommuniziert, verschenkt Einsparpotenziale und erhöht das Schimmelrisiko als unerwünschten Nebeneffekt.
„Es ist essenziell, dass Mietende auch wissen, wie sie die neue Technik richtig bedienen“, sagt Busch. Das klingt trivial, ist in der Praxis aber noch nicht Standard. Hausmeister als erste Ansprechperson, Informationsmaterial, das tatsächlich ankommt, oder gamifizierte Apps, die Verbrauchsdaten verständlich aufbereiten und Vergleiche mit dem Gesamtgebäude ermöglichen: das sind Ansätze, die EnSanKoop aus der Praxis kennt. Flächendeckend sind sie nicht. Usus ist häufig noch der kopierte Einseiter mit Lüftungshinweisen als Anlage zum Mietvertrag.
Kooperation nicht als Floskel
Neben zielgruppengerechter Kommunikation, die passenden Kanäle, Formate und Botschaften beinhaltet, integrieren einige Wohnungsunternehmen auch kooperative oder partizipative Ansätze im Sanierungsprozess
Der Begriff „Kooperation“ läuft jedoch Gefahr, als Worthülse zu enden, sofern nicht auch hier die Absichten und Botschaften aufrichtig und passend zu den Erwartungen und Lebensumständen der Menschen sind. Im Kontext von EnSanKoop meint er etwas Konkretes: die systematische Gestaltung aller Schnittstellen zwischen Vermietenden und Mietenden, vor, während und nach der Sanierung. Das schließt echte Mitgestaltungsmöglichkeiten ein, aber in einem realistischen Rahmen. Über energetische Kernmaßnahmen lässt sich aus Vermietendensicht schwer abstimmen, das kann die Projektstruktur überlasten. Was aus ihrer Sicht schon heute gut funktioniert, sind begleitende Entscheidungen: Farbgebung, Gestaltung der Grünflächen und Außenanlagen, . Das kann ein Signal an die Mietendenseite sein, dass sie als Partner im Prozess behandelt wird.
Dabei ist die Heterogenität der Mietenden ein dauerhaftes Thema. Es gibt keine homogene Zielgruppe. Wer auf eine App setzt, erreicht nicht die Mieterin, die den Hausaushang täglich liest. Wer auf Informationsveranstaltungen setzt, erreicht nicht den Mieter, der lieber eine Nachricht bekommt. Adressatengerechte Kommunikation bedeutet deshalb: mehrere Kanäle, mehrere Formate, eine gemeinsame Botschaft. Das muss vielfach einfach ausprobiert werden.
Was das für Wohnungsunternehmen bedeutet
Gute Kommunikation kostet nicht automatisch viel und kann sogar auch Geld einsparen. Das ist eine der zentralen Botschaften aus EnSanKoop, und sie ist strategisch relevant. Wer die Kommunikation beim ersten Projekt ordentlich aufgleist, kann auf das Erarbeitete in folgenden Projekten zurückgreifen. Anschauliche Materialien, erprobte Dialogformate, klare Prozesse: das sind einmalige Investitionen mit Mehrfachnutzen: Bei deren Entwicklung unterstützt das Projekt. Gute Kommunikation kann eben auch die Akzeptanz und Duldungsraten erhöhen und damit teure Projektverzögerungen verringern.
Hinzu kommt eine wirtschaftliche Opportunität, die nicht immer mitgedacht wird: Sanierungen, die durch begleitende Maßnahmen wie Aufstockung oder Nachverdichtung querfinanziert werden, können gesamthaft wirtschaftlich dargestellt werden, auch wenn die Einzelmaßnahme allein nicht rentabel wäre. Wie weit der Betrachtungshorizont reicht und welche Einheiten in eine Wirtschaftlichkeitsrechnung einfließen, ist damit vor allem eine strategische Entscheidung. Aber auch hier geht es um mehr und bessere Kommunikation mit der Mieterschaft, damit der Dachgeschossausbau nicht auf Unmut stößt
„Unser Eindruck aus dem Projekt ist nicht, dass Sanierungen an unlösbaren Konflikten scheitern“, resümiert Busch. „Viele Herausforderungen werden mit guter Vorbereitung, verlässlicher Kommunikation und eine einer gemeinsamen Projektumsetzung, die auch die Menschen im Gebäude berücksichtigt, deutlich besser lösbar. Und viele Wohnungsunternehmen liefern dafür schon heute gute Beispiele.“
Der Spielraum ist also da. Die Frage ist, wie konsequent er genutzt wird.
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